Echte Uhren-Schnäppchen?
Uhren auf 1-2-3.tv: TAG Heuer, DELMA, Revue Thommen und Laco By Lacher im Angebot
Es ist eine illustere Runde, in der sich die namhaften Schweizer und Deutschen Uhrenhersteller TAG Heuer, DELMA, Revue Thommen und Laco By Lacher auf 1-2-3.tv befinden. Filtert man das Uhrenangebot auf der Homepage des Homeshopping-Senders mit Sitz in Unterföhring bei München mit der Einstellung „über 500,00 Euro“ aus, erscheinen neben Uhren von TAG Heuer, Delma, Revue Thommen und Laco By Lacher zusätzlich Uhrenmarken wie R.U. Braun, Lindberg&Sons, NOCTUM oder G.v.M.Wehro, besser bekannt als „Graf von Monte Wehro“.
Doch was sind die Hintergründe, warum Uhren von renommierten Herstelleren wie TAG Heuer, DELMA, Revue Thommen und Laco By Lacher über 1-2-3.tv offeriert werden? Für die Uhrenhersteller sind die teilweise deutlich unter den unverbindlichen Preisempfehlungen erzielbaren Auktions- und Festpreise für die angebotenen Uhren nicht unproblematisch. Ihr Fachhandelsnetzwerk lebt von möglichst niedrigen Rabatten und nichts scheut der Fachhandel und auch der Uhrenkunde mehr als aufgeweichte und verwässerte Preise. Nicht umsonst beteuern die renommierten Markenhersteller deshalb regelmäßig ihre Fachhandelstreue, auch wenn seit Jahrzehnten ein wenig transparenter Graumarkt mit teilweise erheblichen Abschlägen zu den Listenpreisen besteht.
Die Ursachen, warum die Uhren auf 1-2-3.tv angeboten werden können, sind vielfältig.
Ursache Nummer 1: Die Wirtschaftskrise
Es sind Uhren der Marke Laco, die - so ein Mitarbeiter von Laco - die Firma „Trias Uhren“ in der Zeit des Eigentümers KIENZLE gekauft hatte. Insgesamt 200 Valjoux-Chronographen wurden produziert und in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage fragte wohl niemand so genau nach, wo die Uhren mit der Marke Laco verkauft werden sollten. Laco war erst kurz vorher insolvent und wurde durch die zwischenzeitlich ebenfalls insolvente KIENZLE Uhren GmbH übernommen. Auf die Marke konnte offensichtlich nur wenig Rücksicht genommen werden und so wurde neben den Chronographen auch noch Titanuhren verkauft, die heute ebenfalls bei 1-2-3.tv auftauchen. Hinter „Trias Uhren“ verbirgt sich die Firma Axesus GmbH aus Offenburg mit ihrem Geschäftsführer Dr. Daniel Lieser. Wer die Homepage dieser Firma studiert, erkennt anhand der online angebotenen Uhrenmarken schnell die Kernkompetenzen. Im Angebot sind z.B. Baumier, ELYSEE, J.Wendenburg, JAVELLE, Lindberg & Sons, LINHART, TRIAS, Vandenbroeck & Cie und viele mehr der schönen neuen Uhrenmarken.
Ursache Nummer 2: Erschließung neuer Absatzmärkte
Alle reden von der Krise des Einzelhandels und jeder staunt vor den stetig steigenden Umsatzzahlen des Onlinehandels. Kein Wunder, dass selbst renommierte Uhrenhersteller wie DELMA der Versuchung erlagen, hier zusätzliche Umsätze zu generieren.
Erstaunlich ist die Offenheit von Fred Leibundgut, der uns im Namen von DELMA folgendes mitteilt: „Der Verkauf über 123TV war ein erster möglicher Wieder-Einstieg in den deutschen Markt, nachdem wir fast 5 Jahre nicht mehr präsent waren. Unser Ziel ist der Aufbau des Fachhandels, was ja bekanntlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Im Gegensatz zu anderen Lieferanten im Direkt-Verkauf, bieten wir nur hochwertige und garantiert Swiss Made Uhren an.“
Die Erkenntnis, dass dieser Wiedereinstieg über einen Homeshopping-Sender mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gelingen kann hat sich mittlerweile auch bei DELMA durchgesetzt. Seit April 2010 versucht Mario Hoeltke den Fachhandel für die Schweizer Uhrenmarke zu begeistern. Die Verträge mit 1-2-3.tv sollen zum Herbst 2010 auslaufen.
Ursache Nummer 3: Der Graumarkt
Für wahre Uhrenfreunde sind die Live-Mitschnitte der Verkaufspräsentationen, in denen die Aquaracer von TAG Heuer angepriesen wird an Komik kaum zu überbieten. Der Anspruch einer Luxusuhrenmarke wird in keinster Weise gewahrt und dass die Uhren zu Auktionspreisen verkauft werden, die weit von der unverbindlichen Preisempfehlung entfernt sind, dürfte weder dem Hersteller noch seinen Konzessionären gefallen. Bemerkenswert ist, dass gerade das Model TAG Heuer Aquaracer nach unseren Recherchen offensichtlich in großen Stückzahlen am Markt verfügbar ist. Ein potentieller Käufer findet die Uhr nicht nur auf 1-2-3.tv, sondern z.B. auch auf Yatego Shopping oder luxusuhr24.de. Zumindest teilweise stammen die Uhren auf 1-2-3.tv aus der Slowakei, wie Testkäufe von TrustedWatch belegen. Somit sind die Uhren eindeutig Graumarktware. Dies ist dem Angebot von 1-2-3.tv bedauerlicherweise aber nicht zu entnehmen.
Zu einem Interview und einer ausführlichen Stellungnahme war TAG Heuer leider nicht bereit. Stattdessen erhielten wir ein Standardstatement, das auf unsere detailierten Fragen nicht einging. Aus unserer Sicht ist es für Markenhersteller wie TAG Heuer ein leichtes, Graumarktgeschäfte zu unterbinden. Jede Uhr hat eine Seriennummer und jeder seriöse Konzessionär hat ein Interesse, dass die Uhren nur über seriöse Kanäle möglichst zum vollen Preis verkauft werden. Offensichtlich hatten aber gerade in den vergangenen Monaten viele Uhrenhersteller Probleme ihre Produktion abzuverkaufen und waren gezwungen, auch größere Mengen ihrer Modelle fragwürdigen Kunden zu offerieren und zu verkaufen.
Fazit
Erstens: Die Homeshopping-Sender nutzen die Chancen der freien Marktwirtschaft und schmücken sich mit renommierten Uhrenmarken, um ihr Uhrenangebot attraktiver erscheinen zu lassen. Marken wie R.U. Braun, Lindberg&Sons, NOCTUM oder G.v.M.Wehro, besser bekannt als „Graf von Monte Wehro“ sind keinesfalls in einer Klasse zu sehen wie TAG Heuer, DELMA, Revue Thommen und Laco By Lacher. Aus unserer Sicht soll aber gerade dies dem potentiellen Kunden suggeriert werden. Denn die Spannen bei derartigen Uhren sind um ein vielfaches höher als die der klassischen und bekannten Uhrenmarken. Bitter für Neueinsteiger und unbedarfte Kunden, den die Qualität und das Preis-/Leistungsverhältnis das er bei den Uhren mit den hohen Rabatten erhält ist selbst für scheinbar niedrige Auktions- und Festpreise mehr als zu hinterfragen.
Und Zweitens: Was früher heimlich von Graumarkthändlern oder mit hohen Rabatten unter der Theke verkauft wurde taucht in Zeiten des Internets weltweit auf Markplätzen und in Onlineshops auf. Das Angebot wird immer transparenter und die Hersteller sind gefordert, ihre Distributionskanäle klar zu definieren und zu kontrollieren. Sonst dürfte auf absehbare Zeit die Zahl der Schnäppchenjäger weiter steigen und der klassische Juwelier vom Aussterben bedroht sein. Kein Wunder, dass immer mehr Uhrenhersteller deshalb verzweifelt nach Möglichkeiten suchen, den Zug der Zeit nicht zu verpassen und nur bedingt auf nachhaltig erfolgversprechende Strategien setzen. Dies ist aber wohl zu kurzfristig gedacht, insbesondere da die meisten Uhrenkäufer zwar preisbewusst sind aber eben auch und gerade Wert auf Exklusivität und ein seriöses Preis-Leistungsverhältnis Wert legen. Eine Uhr vom Homeshopping–Sender mit einer durch hohe Rabatte zweifelhaften unverbindlichen Preisempfehlung und Wertigkeit ist wohl für die wenigsten Uhrenkunden von Interesse. Selbst wenn darauf eine echte Luxusmarke steht.
